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Ewa ist vier Jahre alt, als sie zum ersten Mal die Ermordung einer jungen Frau beobachtet und acht Jahre, als sie mit ihrer Mutter in einen Güterwaggon Richtung Auschwitz geschoben wird. Mit elf Jahren kommt sie zurück in ihre Heimatstadt Warschau und mit 77 erzählt sie mir ihre Geschichte.

Ewa Gajewska wird 1934 geboren und wächst in einer wohlhabenden Familie auf. Gemeinsam mit ihrem Vater und ihrer Mutter lebt sie in einer Eigentumswohnung in Warschau, spielt gerne Klavier und freut sich über echte Schokolade und das Spiegeln ihres Gesichtes im Silberbesteck. Doch solch unbeschwerten Kindheitserinnerungen hat sie nicht viele. Der Beginn des zweiten Weltkrieges, die Ermordung ihres Vaters und das Arbeits- und Durchgangslager Pruszków bei Warschau setzten ihrer Kindheit ein schnelles Ende. Durch eine schwere Krankheit ihrer Mutter war sie gezwungen, schnell die Kontrolle und die Führung zu übernehmen, denn davon hing das Überleben im Lager ab. Nach schrecklichen Monaten in der Gefangenschaft, in der das kleine Mädchen hart arbeiten musste, schien sich der Albtraum jedoch zu verfestigen: Der Zug nach Auschwitz stand auf dem Gleis.

Im Todeszug nach Auschwitz. „Der Süden bedeutete den Tod“, meint sie heute nur dazu, denn jeder, der von Warschau Richtung Süden transportiert wurde, kam nicht mehr zurück. Je länger Ewa gemeinsam mit ihrer schwerkranken Mutter in dem kleinen Waggon stand, desto mehr schaukelte sich die Stimmung der Mitinsassen ins Tragische und Panik breitete sich aus. Die Situation eskalierte, als der Zug plötzlich zum Stehen kam. Unter panischem Geschrei, stechendem Uringeruch und dem Geräusch näherkommender, schwerer Soldatenstiefel nahmen die Gerüchte über die schrecklichen Konzentrationslager in den Gedanken der Eingesperrten plötzlich Gestalt an. Als die Soldaten die Waggons öffneten und: „Raus mit euch, verschwindet – lauft!!“, brüllten, war die Verwunderung groß und Ewa erzählt: „Wir wussten nicht, was wir tun sollten. Ich dachte, sie wollten, dass wir rannten, damit sie schießen üben konnten.“ Aber sie lief. Sie packte ihre Mutter beim Arm und lief um ihr Leben. Die Flucht gelang. Ewa: „Der Krieg war schon fast vorbei. Ich glaube, die Deutschen ermöglichten uns die Flucht, weil sie sich mit den Polen gut stellen wollten“.

Besuche bei der Überlebenden. Heute sitzt sie in ihrem abgewetzten Sessel, den Vogel Amik auf der Schulter und trinkt Instantkaffee, während sie eine Zigarette nach der anderen raucht. Etwa zweimal in der Woche sitze ich ihr dann gegenüber und höre mir die Geschichte gerne wieder an. Ich bin Freiwillige bei der Stiftung Polnisch-Deutsche Aussöhnung in der Hauptstadt Polens und besuche Pani Ewa (zu deutsch: Frau Eva), wie ich sie nenne, im Zuge dessen regelmäßig. Ich helfe ihr bei den alltäglichen Besorgungen und bei allem, worum sie mich bittet. Einkaufen, Kochen, Putzen… das alles ist im Leben der einst so selbstständigen Frau nicht mehr einfach. Schwer fiel es ihr, fremde Hilfe anzunehmen, da sie sich doch vornahm, nie wieder von jemandem abhängig zu sein. Bei all meiner Hilfe bin ich mir nicht sicher, wer mehr von unserer Zusammenarbeit profitiert. Alles was ich ihr anbieten kann, sind gesunde Füße und Arme, sie aber hat ein großes Repertoire an Lebenserfahrungen. Das ist es, was für mich als Freiwillige die größte Bezahlung ist: das Vertrauen, mit dem sie mir von ihren Erfahrungen, Erlebnissen und Enttäuschungen berichtet.

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Den Blick schärfen. Es gibt auch Momente, in denen es hart ist, mit ihren Erinnerungen umzugehen, doch ihre lebensbejahende Art verleiht unseren Gesprächen immer wieder viel Positives. Pani Ewa ist nicht auf den Mund gefallen und mit großem Eifer bespricht sie die alltäglichen Probleme mit mir und versucht, meinen Blick für das Wesentliche zu schärfen. Auch wenn sie nicht mit allem in ihrem Leben zufrieden ist, so ist sie doch stolz auf das, was sie aus den Gegebenheiten gemacht hat. Das ist eine der vielen Lebensweisheiten, die ich von ihr bis jetzt gelernt habe, und es werden mit Sicherheit noch viele folgen. Denn wenn ich wieder einmal staubsauge und dabei ein Foto unter dem Kasten hervorblitzt, kann ich mir sicher sein, dass dahinter eine wundervolle Geschichte steckt, vielleicht voll von echter Schokolade und glänzendem Besteck, die nur darauf wartet, erzählt zu werden.

(Geschrieben für die OÖ Kirchenzeitung)

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